Petition gegen einen ZDF-Moderator - Eine bequeme Revolution per Mausklick

 
Für konzernabhängige, im Internet kostenlos angebotene Zeitschriften wie Focus Online ist Marcus Lanz im Skandal über das Wagenknecht-Interview  ein „armes Sau“ und der ganze Fehltritt scheint auf die „abgeschottete Welt des ZDF“ zurückzuführen zu sein. Die Glaubwürdigkeit der Online-Petition wird sofort in Frage gestellt, da eine Stimme angeblich mehrfach abgegeben werden könne.
 
Gezielt wird sofort das steuer-rechtliche Fernsehen für das ungebührliche Benehmen eines Moderators zur Rechenschaft gezogen. Das eigentliche Opfer dieses niveaulos moderierten Interviews wird dabei bewusst außen vorgelassen. Dass Wagenknecht mehrfach auf unglaublich primitive Weise unterbrochen wurde, und zwar ganz bewusst, damit sie endlich einmal den Faden verliert oder sich verheddert, dass stand bei wirtschaftsfinanzierten Zeitungen und Zeitschriften gar nicht zur Debatte. Dass das Protokoll der Sendung (die Befragung jedes Gasts macht die Runde, nach der Devise, jeder kommt dran), wurde hier gröblich und provokativ übergangen, und zwar durch den Hofjournalisten Jörgens, der das Niveaulose von Lanz um ein Vielfaches übertraf. Er sollte in dieser Sendung wohl nur als Störfeuer fungieren, um den klaren, sachlichen Argumenten von Wagenknecht Einhalt zu gebieten. Nach dem Motto: Sie darf auf keinen Fall zu Wort kommen, und wenn, dann muss sie in Ihrem Redefluss gestoppt werden. Und dass der Beschuss aus dem Hinterhalt auch seine volle Wirkung entfalten kann, mahnte Lanz die von diesem Radikaljournalisten mehrfach unterbrochene Wagenknecht auf, ihn doch ausreden zu lassen, eine Mahnung, die er seltsamerweise nie an diesen aufbrausenden Kneipen-Journalisten richtete. 
 
Bei all der Debatte über Lanz und Jörgens finde ich aber bedauerlich, wie sehr dieses Problem überpersonifiziert wird, ähnlich wie bei Merkel. Dass Lanz (wie auch Merkel) nicht nur von wirtschaftsstarken Lobbys dahin gesetzt werden, wo sie jetzt sind (und vom ZDF-Vorstand, der ja auch aus überwiegend konservativen Politikern besteht, die klare neoliberale Interessen vertreten), ist es nicht verwunderlich einen Moderator in einer Talkshow vorzufinden, der der linksgerichteten Dame als Alibi für eine angeblich gut funktionierende Demokratie das Wort erteilt, ohne sie aber zu Wort kommen zu lassen (oder sie nicht zu Wort kommen lassen zu dürfen). Lanz erscheint mir hier eher als ein Journalist im Auftrag. Ambitioniert und voller Hoffnung, in der höheren Sippe der Elite einmal mit aufgenommen zu werden, erfüllt er seine Mission eigentlich hervorragend. Er macht nur das, was der Arbeitgeber und die dahinterstehenden Lobbyisten von ihm verlangen. Hier könnte man sagen: „Die arme Sau!“ Er macht nämlich die Drecksarbeit. Er spielt mit seinem guten Ruf. Und damit dieses Spielchen nicht zu offensichtlich wird (obgleich dies nicht gelungen ist), holte man Verstärkung hinzu: einen durch und durch neoliberal eingestellten Journalisten, der es während dem Versuch von Wagenknecht, sich zu einigen Fragen zu äußern, so richtig krachen lässt. Der durch testosteron-überquellende Kraftwörter die Wagenknecht aus dem Konzept zu bringen versucht und sie in aller Öffentlichkeit bloßstellen will. Er greift sie respektlos und würdelos an, ohne dabei mit stichhaltigen und überzeugenden Gegenargumenten zu beeindrucken. Als er über die „gekaufte Politik in Deutschland und die „hoch dotierten Posten“ der Politiker nach Ausschied  aus ihrem Amt ansprach, schüttelte dieser Walzen-Journalist nur den Kopf, als sei diese Feststellung völlig abwegig und völliger  „Stuss!“, um den Kraftausdruck von Jörgens noch einmal zu bemühen.
 
Wenn Lanz durch diese Petition aus dem ZDF herausgepfiffen werden sollte, kommt ein neuer Lanz. Machen wir uns nichts vor. Gut, so würde wenigstens einmal ein Zeichen gesetzt, ein Warnschuss an die da oben, dass wir uns nicht alles bieten lassen, dass wir nicht ganz von den privaten und konzernfinanzierten Medien durch Dauerunterhaltung verblödet haben lassen. Aber werden die da oben dieses Zeichen verstehen und diese Petition ernst nehmen? Wohl kaum. Ganz im Gegenteil. Wie in Focus-Online sehr repräsentativ zeigt, wird alles verdreht dargestellt, die öffentliche Meinung wird erneut massiv manipuliert, damit keiner auf die Idee kommt, sich diese Sendung im Internet noch einmal anzuschauen und sich seine eigene Meinung darüber zu bilden. Denn Wagenknecht geht trotz aller rüpelhaften Attacken ganz souverän aus diesem Interview heraus. Sie wahrt ihre Würde, lässt sich nicht provozieren, bleibt sachlich und entblößt hervorragend die Inkompetenz dieser zwei Scharlatane. Das eigentliche Ziel „Wagenknecht in der Öffentlichkeit mal so richtig zu zerfetzen“ wurde total verfehlt und es war Lanz und Jörgens, die sich mit ihrem „Auftritt“ erbärmlich blamierten.
 
Solange die Mehrheit, und ganz besonders die Mittelschicht, sich an die Hoffnung festklammert, dass etablierte Parteien wie die CDU/CSU oder SPD das kleinere Übel sind und immer noch besser als Die Linke, und deswegen weiterhin  prinzipientreu und traditionsverhaftet für solche Parteien wählen, hat ein solches Volk nichts Besseres zu erwarten, als die fortschreitende Entdemokratisierung der öffentlich-rechtlichen Medien und Leitmedien. Kampagnejournalismus wird zunehmend zu unseren Medienalltag gehören. Petitionen werden da nicht viel ändern. Sie werden genutzt und missbraucht, sie werden diskreditiert, verzerrt dargestellt oder in anderen Hauptmedien, wie Wagenknecht, totgeschwiegen und geraten schon bald in Vergessenheit. Unsere Bequemlichkeit, eine friedliche Revolution per Mausklick herbeiführen zu wollen, wird leider nicht angehen und die großen Konzerne, Banken und die von ihnen bestochenen Politiker aus den etablierten Parteien, werden sich darüber ins Fäustchen lachen. 
 
 
(C) Frank MÖRSCHNER 25. Januar 2014